Das kompetente Kind und ein Videoclip von Michael Jackson: Zum 10. Todestag von Dieter Baacke (23. Juli 1999)

Was hat das kompetente Kind mit einem Clip von Michael Jackson zu tun? Würde man nicht ohnehin immer wieder Dieter Baackes theoretischem Erbe begegnen, gerade wenn man sich mit Medien und Pädagogik beschäftigt, so ist spätestens der Tod von Michael Jackson ein weiterer Anlass, an Dieter Baacke und seine Sicht auf Kinder- und Jugendkulturen zu erinnern.

baacke Denkerpose

Auf dem Forum Kommunikationskultur der GMK 1996 in der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg analysierte Dieter Baacke den Videoclip von Michael Jackson „Black or White“.

In der Anfangssequenz dieses Videos ist ein Junge (Kevin) zu sehen, der gegen das elterliche Verbot des E-Gitarrenspiels mit drastischen Mitteln erfolgreich rebelliert. Baacke nutzte dieses Video, um in seinem Vortrag mit dem Titel ‚Kevin, Wayne und andere – Kinder und ästhetische Erfahrungen’ ein Recht der Kinder auf eigene Ausdrucksformen zu begründen:

„…,dass Kinder Kompetenz haben, mehr als Erwachsene. Genau dieses Muster verbreitet auch das Musikvideo von Michael Jackson, und darum ist er quasi zitierend in diesen Kontext gestellt: Kevin ist ‚new hero of the new world’. Der Michael Jackson-Video-Inhalt selbst zeigt nicht nur die Botschaft, dass alle Rassen gleichwertig sind und diese neue Gleichstellung in einer besseren Welt der Kinder geschieht bzw. von ihr ausgeht, sondern zeigt auch viele Versatzstücke aus der Pop- und Rockwelt: Filme werden in Straßenszenen angedeutet, Rap-Elemente eingeblendet, in einer Form raffinierte Bricolage wird eine Welt von Anspielungen aufgebaut, die vor allem Kinder und Jugendlichen zugänglich ist.

Das Video ist also ein Beispiel für eine neue Form von Weltkonstitution, in der das Recht von Kindern auf eigene Ausdruckswelten ganz deutlich wird. Wenn es so ist, dass gerade auch die Medien mit ihren Wahrnehmungsangeboten Kinder und Kindheit verändern, dann hat das Folgen für die Art und Weise, die wie wir Ansprüche an Kindersendungen und an Kinder formulieren.“ (S. 17)

Mit diesem Zitat beschreitet Dieter Baacke bereits 1996 einen Weg, sich mit den Alltagskulturen von Kindern und Jugendlichen sowie mit der Populärkultur auseinander zu setzen, und im Sinne der Cultural Studies diese aus einer Innen- und Außensicht zu betrachten und zu verstehen.

Besonders in Zeiten, in denen Kinder immer wieder als Tyrannen und Eltern als potentielle Klienten für professionelles Coaching betrachtet werden, erscheint ein Blick auf diese Sichtweise Baackes wichtig. Denn aus heutiger Sicht wirkt das im Video dargestellte außer Rand und Band geratene Rock&Roll-Kid Kevin wie ein Ausschnitt aus einer Extrem-Erziehungssendung. Das widerspenstige Kind zerrt massiv an den Nerven der Eltern, heutige Zuschauer mögen fragen: Wo bleibt die Nanny?

Baacke betrachtete das Video jedoch als Appell an die Eigenständigkeit kultureller Handlungen von Kindern, die sich darin von ihren Eltern unterscheiden und emanzipieren (womöglich hätte es auch Michael Jackson gut getan, seinen Vater im literarischen Sinne „auf den Mond zu schießen“.)

Mit der Kombination von Innen- und Außensichten und der Integration des „kompetenten Kindes“ in den medienpädagogischen Diskurs hat Dieter Baacke viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Pädagoginnen und Pädagogen zu mit einem anderen Blick auf die von Medien durchdrungene Wirklichkeit angeregt und sie motiviert, keine Scheu zu haben, sich in Kinder- und Jugendkulturen hinein zu begeben. Wer Dieter Baacke kannte, wusste, hier bestand keine Scheu, sondern eine Lust, diese neuen Kulturen zu entdecken und zu erforschen.

Doch nicht nur in der Auseinandersetzung mit Medienwelten von Kindern, Jugendlichen und Familien war Dieter Baacke bis heute richtungweisend, auch mit seinem Begriff der Medienkompetenz, den er in den pädagogischen und wissenschaftlichen Diskurs einbrachte, hat er die Bildungs- und Erziehungslandschaft in Deutschland stark beeinflusst.

Wie aktuell dieser Begriff der Medienkompetenz von Dieter Baacke noch heute ist, zeigt der Diskurs über Medienkompetenz – Begriffsanalyse und Modell von Otfried Jarren und Christian Wassmer in merz, Medien und Erziehung, Zeitschrift für Medienpädagogik vom Juni 2009. Dort heißt es auf Seite 48: „Die meisten der konzipierten Modelle von Medienkompetenz lassen sich letztlich auf das Bielefelder Modell von Baacke (1997) zurückführen. Er unterscheidet vier Dimensionen von Medienkompetenz: Medienkritik, Mediennutzung, Medienwissen und Mediengestaltung. Damit hat er einen Standard gesetzt, einen Rahmen vorgegeben, der bei allen Überlegungen nach wie vor dominiert, wenn auch andere Begriff verwandt werden.“

Doch nicht nur als Wissenschaftler und Pädagoge war er bedeutend, auch als politisch denkender und handelnder Mensch, der von der Gründung 1984 bis zu seinem Tod 1999 Vorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur in Deutschland war. Aktiv war er ebenfalls im Vorstand des Deutschen Kinderhilfswerks, der Kulturpolitischen Gesellschaft und weiteren Organisationen.

Seine charismatischen und spannenden Vorlesungen an der Hochschule und Vorträge auf Tagungen sind ebenso unvergessen. Dieter Baacke hat viele Impulse gegeben, die bis heute pädagogisch, wissenschaftlich und politisch nachwirken. Es gilt den Blick und die kulturelle Praxis der Kinder und Jugendlichen nicht aus den Augen zu verlieren und sie darin zu verstehen, zu bestärken und zu begleiten, statt sie an die Disziplin-Kandare zu nehmen.

Dieter Baacke fehlt. Zugleich wirken seine Inspiration und sein Denken weiter, in der Arbeit der GMK, im wissenschaftlichen Diskurs und auch in den vielen medienpädagogischen Projekten, deren herausragende mit dem Dieter Baacke-Preis ausgezeichnet werden.

(Jürgen Lauffer / Renate Röllecke)

Dieter Baacke:  Kevin-Wayn-und-andere.doc – Kinder und ästhetische Erfahrungen’ in Gottberg, J.; Mikos, L.; Wiedemann, D. (Hsgb.): Kinder an die Fernbedienung. Konzepte und Kontroversen zum Kinderfilm und Kinderfernsehen, Berlin 1997

Jarren, O., Wassmer, Ch.: Medienkompetenz – Begriffsanalyse und Modell in merz, Heft Nr. 3, München 2009

Dieter Baacke: Was ist Medienkompetenz?

Dieter Baacke: Der pädagogische Widerwillen gegen den Sehsinn.

www.dieterbaackepreis.de

Eine Antwort zu “Das kompetente Kind und ein Videoclip von Michael Jackson: Zum 10. Todestag von Dieter Baacke (23. Juli 1999)”

  1. Dagmar Hoffmann sagt:

    Eine sehr gelungene und angemessene Hommage an Dieter Baacke, dessen Werke und dessen Wirken auch auf der Tagung “25 Jahre Jugendforschung in Bielefeld” diese Woche gewürdigt werden. Er hat Spuren hinterlassen und wird unvergessen bleiben.

    Der Link zur Tagung
    http://www.unibi.de/zkjf/tagung/

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